
Der Zohar: Das zentrale Buch der Kabbala
Wenn ein einziges Werk als “das Buch der Kabbala” gilt, dann ist es der Zohar. Hier erfährst du, was es ist, woher es kommt und warum es bis heute so bedeutsam ist.
Was ist der Zohar?
Der Zohar (hebräisch זֹהַר, “Glanz”) ist eine umfangreiche Sammlung kabbalistischer Kommentare zur Tora, verfasst größtenteils auf Aramäisch. Er ist in Form eines mystischen Kommentars zu den fünf Büchern Mose aufgebaut und verwebt Bibelauslegung mit mystischer Symbolik – etwa zum Baum des Lebens und den zehn Sephiroth. Erzählt wird das in einem Rahmen: Rabbi Schimon bar Jochai wandert mit seinen Schülern durch das Land Israel, und unterwegs legen sie Verse der Tora aus, erzählen Gleichnisse und begegnen rätselhaften Gestalten. Der Zohar ist damit kein Lehrbuch, sondern eine Mischung aus Kommentar, Erzählung und Predigt. Er ist kein einzelnes Buch, sondern eine Sammlung mehrerer Schriften, die in der gedruckten Standardausgabe drei Bände füllt.
Wer hat den Zohar geschrieben?
Die traditionelle Zuschreibung nennt den Gelehrten Rabbi Shimon bar Jochai aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. als Verfasser. Die moderne religionswissenschaftliche Forschung, allen voran Gershom Scholem, geht jedoch davon aus, dass die Kernteile des Zohar im späten 13. Jahrhundert in Kastilien (Spanien) von dem Gelehrten Mosche de León verfasst oder zumindest maßgeblich zusammengestellt wurden – möglicherweise unter Einbeziehung älterer mystischer Traditionen und weiterer Autoren. Zweifel an der traditionellen Zuschreibung gab es schon früh: Der Kabbalist Isaak von Akko berichtete um 1300, er habe in Spanien Nachforschungen angestellt und widersprüchliche Auskünfte über die Herkunft des Textes erhalten. Der Zohar verbreitete sich zunächst in Handschriften; gedruckt wurde er erstmals 1558 bis 1560 in Mantua und Cremona – gegen den Widerstand von Gelehrten, die das Werk lieber unter Verschluss halten wollten.
Worum geht es im Zohar inhaltlich?
Zentrale Themen sind unter anderem die Natur Gottes und seiner zehn Erscheinungsformen (Sephiroth), die Beziehung zwischen der göttlichen und der irdischen Welt, das Wesen der menschlichen Seele und ihr postulierter Weg durch verschiedene Existenzebenen sowie die mystische Bedeutung der Gebote der Tora. Der Stil ist bewusst vieldeutig und bildreich, was den Zohar auch für geübte Leser anspruchsvoll macht.
Welche Bedeutung hat der Zohar heute?
Der Zohar gilt als das zentrale Grundlagenwerk der kabbalistischen Tradition und wird bis heute in vielen chassidischen und kabbalistisch interessierten Kreisen studiert. Moderne Organisationen wie das Kabbalah Centre haben den Zohar zudem einem breiteren, auch nicht-jüdischen Publikum zugänglich gemacht – wenn auch mit einer stark vereinfachten und teils umstrittenen Interpretation.
Aufbau und Teile des Zohar
Was unter dem Namen Zohar gedruckt wird, besteht aus mehreren Schichten, die sich in Stil und Entstehungszeit unterscheiden. Die wichtigsten Teile:
| Teil | Inhalt |
|---|---|
| Hauptteil (Zohar zur Tora) | Der laufende mystische Kommentar zu den Wochenabschnitten der Tora, nach traditioneller Zählung der Kern des Werks |
| Midrasch ha-Ne’elam | „Der verborgene Midrasch“ – nach verbreiteter Auffassung die älteste Schicht, stärker philosophisch, teils auf Hebräisch |
| Idra Rabba und Idra Zuta | „Große“ und „Kleine Versammlung“ – Schilderungen, in denen Rabbi Schimon seinen Schülern die tiefsten Geheimnisse offenbart; die Idra Zuta beschreibt seinen Tod |
| Sifra di-Zeni’uta | „Buch der Verborgenheit“ – ein sehr kurzer, dunkler Text, den die Idrot auslegen |
| Raja Mehemna | „Der treue Hirte“ – Auslegungen der Gebote; nach der Forschung von einem späteren Autor |
| Tikkunei Zohar | Siebzig Auslegungen des ersten Wortes der Tora; ebenfalls jünger als der Hauptteil, meist separat gedruckt |
| Zohar Chadasch | „Neuer Zohar“ – Sammlung von Stücken, die in den ersten Drucken fehlten |
Die Forschungsdebatte um die Autorschaft
Gershom Scholem kam nach sprachlichen und inhaltlichen Untersuchungen zu dem Schluss, dass der Hauptteil des Zohar von einem einzigen Autor stammt, Mosche de León, der ihn zwischen etwa 1280 und 1286 verfasste. Als Indizien nannte er das künstliche Aramäisch, das Wörter aus dem mittelalterlichen Hebräisch und Spanischen enthält, geografische Ungenauigkeiten über das Land Israel und die Nähe zu de Leóns hebräischen Schriften. Jüngere Forscher wie Jehuda Liebes haben diese Sicht erweitert: Sie gehen davon aus, dass ein Kreis kastilischer Kabbalisten am Zohar beteiligt war, in dem de León eine führende Rolle spielte. Über Details ist sich die Forschung uneins, über die Entstehung im späten 13. Jahrhundert nicht.
Für gläubige Leser hat diese Debatte nicht die gleiche Bedeutung. In der Tradition gilt der Zohar als Offenbarung, deren Wahrheit nicht am Datum ihrer Niederschrift hängt. Beide Sichtweisen können nebeneinander stehen: Man kann das Werk als Dokument des 13. Jahrhunderts lesen und zugleich anerkennen, dass es für Millionen Menschen ein heiliger Text ist.
Schlüsselbegriffe, die dir im Zohar begegnen
- Ein Sof: Das Unendliche, die verborgene Seite Gottes, über die sich nichts aussagen lässt.
- Sephiroth: Die zehn Stufen, in denen sich das Göttliche entfaltet – der Zohar nennt sie oft mit Bildern: König, Mutter, Vater, Braut.
- Schechina: Die weibliche Seite des Göttlichen, die in der Welt „wohnt“ und im Exil ist; ihre Vereinigung mit den oberen Sephiroth ist ein Leitmotiv des Werks.
- Sitra Achra: „Die andere Seite“ – der Bereich des Bösen, den der Zohar als eigene Ordnung beschreibt, die aus der abgelösten Strenge (Gevurah) hervorgeht.
- Nefesch, Ruach, Neschama: Drei Stufen der Seele, von der Lebenskraft bis zur höchsten, göttlichen Ebene.
- Rasa: „Geheimnis“ – ein Wort, das im Zohar unzählige Auslegungen einleitet und die verborgene Ebene der Tora bezeichnet.
Wie der Zohar gelesen wurde und wird
Im 16. Jahrhundert wurde der Zohar in Safed zum Fundament der Lehre von Mosche Cordovero und Isaac Luria. Im Chassidismus des 18. Jahrhunderts gehörte er zur täglichen Lektüre der Rebben. In vielen sephardischen und orientalischen Gemeinden entstand der Brauch, den Zohar laut zu rezitieren, auch ohne jedes Wort zu verstehen – die Lesung selbst galt als verdienstvoll. Am Feiertag Lag baOmer pilgern bis heute Hunderttausende zum Grab Rabbi Schimon bar Jochais in Meron im Norden Israels.
Im 20. Jahrhundert schuf Jehuda Aschlag mit dem Kommentar „Sulam“ („Leiter“) eine vollständige hebräische Übersetzung und Erklärung des aramäischen Textes. Auf ihr bauen viele heutige Lehrangebote auf. Für Leser ohne Hebräisch gibt es Teilübersetzungen in europäische Sprachen; ins Deutsche übertrug Ernst Müller in den 1930er-Jahren eine Auswahl. Eine vollständige deutsche Übersetzung existiert bisher nicht. Wer einen ersten Eindruck gewinnen will, ist mit einer kommentierten Auswahl besser bedient als mit dem Versuch, das Werk von vorn zu lesen. Hinweise dazu findest du in Kabbala lernen.
Was das für dich heute bedeutet
Du musst den Zohar nicht lesen, um mit kabbalistischer Symbolik zu arbeiten. Aber es hilft, drei Dinge über ihn zu wissen. Erstens: Fast alles, was heute über den Baum des Lebens, die zehn Sephiroth oder die Schechina gesagt wird, hat hier seine Quelle. Wer die Symbole nutzt, nutzt das Vokabular des Zohar. Zweitens: Der Zohar denkt in Bildern, nicht in Definitionen. Dieselbe Sephira heißt an einer Stelle „König“, an der anderen „Sonne“ oder „Wahrheit“. Wer die Sephiroth auf die eigene Persönlichkeit anwendet, sollte sie deshalb ebenso offen lesen – als Richtungen, nicht als Schubladen. Drittens: Der Zohar besteht darauf, dass das Verborgene sich nur langsam zeigt. Das ist eine gute Haltung auch für die Arbeit an sich selbst: Wer einmal hinschaut, sieht wenig. Wer immer wieder hinschaut, sieht mehr.
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Häufige Fragen
In welcher Sprache ist der Zohar geschrieben?
Größtenteils auf Aramäisch, mit einigen hebräischen Textabschnitten.
Wer hat den Zohar wirklich geschrieben?
Die traditionelle Zuschreibung nennt Rabbi Shimon bar Jochai (2. Jahrhundert). Die moderne Forschung geht davon aus, dass die Kernteile im 13. Jahrhundert von Mosche de León verfasst wurden.
Sollte ich den Zohar als Einsteiger direkt lesen?
Eher nicht im Original – der Text ist sprachlich und inhaltlich anspruchsvoll. Eine kommentierte Übersetzung mit Begleittext ist für den Einstieg besser geeignet.
Wie umfangreich ist der Zohar?
Die gedruckte Standardausgabe umfasst drei Bände zum Hauptteil; dazu kommen die Tikkunei Zohar und der Zohar Chadasch, die meist separat gedruckt werden.
Gibt es den Zohar auf Deutsch?
Nur in Auswahl. Ernst Müller übertrug in den 1930er-Jahren Teile ins Deutsche. Eine vollständige deutsche Übersetzung gibt es bisher nicht; auf Hebräisch ist der Kommentar „Sulam“ von Jehuda Aschlag die verbreitetste Ausgabe.
