
Kabbala Center: Was steckt dahinter?
Kaum eine Organisation hat das öffentliche Bild von Kabbala so geprägt wie das “Kabbalah Centre” – und kaum eine wird so kontrovers diskutiert.
Was ist das Kabbalah Centre?
Das Kabbalah Centre ist eine 1965 in den USA gegründete Organisation, die kabbalistisches Wissen in vereinfachter, für ein breites, nicht-jüdisches Publikum zugänglicher Form vermittelt. Bekannt wurde sie vor allem durch prominente Mitglieder wie Madonna (mehr dazu in Madonna und Kabbala) und durch Merchandise-Produkte wie das rote Band. Der Hauptsitz liegt heute in Los Angeles, dazu kommen Zentren in vielen Großstädten weltweit sowie Online-Angebote. Die Organisation versteht Kabbala nach eigener Darstellung als universelle Weisheit, die jedem offensteht, ohne Rücksicht auf Religion und Vorwissen.
Warum die Organisation kontrovers diskutiert wird
Traditionelle jüdische Autoritäten und viele akademische Kabbala-Forscher kritisieren das Kabbalah Centre für eine stark vereinfachte, kommerzialisierte Darstellung einer eigentlich komplexen, jahrhundertealten Gelehrtentradition sowie für Praktiken, die eher an modernes Selbsthilfe-Marketing als an religiöse Lehrhäuser erinnern. Diese Kritik betrifft primär die Vermarktungsform, nicht zwangsläufig jeden einzelnen vermittelten Lehrinhalt. Sie kommt aus zwei Richtungen, die sonst wenig gemeinsam haben: aus der Orthodoxie, der die Öffnung für alle zu weit geht, und aus der Wissenschaft, der die Vereinfachung zu weit geht.
Was das für deinen eigenen Zugang zur Kabbala bedeutet
Wie auch immer man einzelne Organisationen bewertet: Für einen seriösen Einstieg lohnt sich für einen seriösen Einstieg der Blick auf die eigentlichen historischen Quellen – etwa den Zohar – und auf Literatur, die nicht aus dem Umfeld eines einzelnen Anbieters stammt, wie wir sie in Die besten Bücher über Kabbala vorstellen. So kannst du selbst prüfen, was ein Angebot aus der Tradition übernimmt und was es hinzufügt.
Die Geschichte: von Jerusalem nach Los Angeles
Das Kabbalah Centre führt seine Herkunft auf Rabbi Yehuda Ashlag zurück, einen Kabbalisten aus Polen, der 1922 in Jerusalem ein Lehrhaus gründete. Ashlag ist in der Kabbala-Forschung eine anerkannte Größe: Er übersetzte den Zohar aus dem Aramäischen ins Hebräische und versah ihn mit dem Kommentar “Ha-Sulam” (“Die Leiter”), der bis heute als Standardwerk gilt. Ashlag vertrat die Ansicht, dass die Kabbala in seiner Zeit einem breiteren Kreis zugänglich gemacht werden sollte, blieb dabei aber ganz im Rahmen der jüdischen Tradition.
Die heutige Organisation entstand in den USA. Philip Berg, ein aus New York stammender Rabbiner, hatte bei einem Schüler Ashlags gelernt und gründete 1965 in New York ein Institut zur Erforschung der Kabbala. Ab 1969 baute er es zu der Organisation aus, die später als Kabbalah Centre bekannt wurde. In den folgenden Jahrzehnten öffnete er die Lehre schrittweise für Menschen ohne jüdischen Hintergrund, verlegte den Schwerpunkt nach Los Angeles und entwickelte das Kurs- und Produktangebot, das das Centre heute prägt. Nach Bergs Tod 2013 führen Familienmitglieder die Organisation weiter.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1922 | Rabbi Yehuda Ashlag gründet in Jerusalem ein kabbalistisches Lehrhaus, auf das sich das Centre als Vorläufer beruft |
| 1965 | Philip Berg gründet in New York ein Institut zur Erforschung der Kabbala |
| 1969 | Beginn des Ausbaus zur eigenständigen Organisation unter Bergs Leitung |
| 1980er-Jahre | Verlagerung des Schwerpunkts nach Los Angeles, Öffnung für ein breites Publikum |
| ab späten 1990er-Jahren | Prominente Mitglieder machen das Centre weltweit bekannt |
| 2013 | Tod des Gründers; die Leitung bleibt in der Familie |
Was das Centre lehrt und anbietet
Das Angebot besteht aus Kursen, Vorträgen, Büchern, Online-Programmen und einer Reihe von Produkten. Die Lehre stützt sich auf Ashlags Auslegung des Zohar, ist aber in eine Sprache übersetzt, die ohne religiöse Vorkenntnisse auskommt. Zentrale Begriffe sind das “Empfangen um zu geben”, das Verhältnis von Licht und Gefäß und das Streben, die eigene Bestimmung zu erfüllen. Typische Angebote sind:
- Einführungskurse in mehreren Stufen, vor Ort in den Zentren und online
- Ausgaben des Zohar mit Ashlags Kommentar, oft als mehrbändige Sets, verbunden mit der Empfehlung, den aramäischen Text zu betrachten, auch ohne ihn lesen zu können
- Das rote Band als Schutz gegen den bösen Blick, ein alter Volksbrauch, den das Centre weltweit bekannt gemacht hat
- Die 72 Namen Gottes als Tafel, Buch und Meditationshilfe, mit modernen Zuordnungen zu Alltagsthemen (mehr in Die 72 Namen Gottes)
- Weitere Produkte wie Schmuck, Meditationskarten und in der Vergangenheit ein als “Kabbalah Water” vermarktetes Wasser
Die Kritikpunkte im Einzelnen
Die Vorwürfe gegen das Centre sind seit Jahren in Presse und Fachliteratur dokumentiert. Wir fassen sie hier allgemein zusammen, ohne Einzelfälle zu bewerten, die wir nicht selbst prüfen können.
- Kommerzialisierung: Kurse, Produkte und Spendenaufrufe stehen im Zentrum des Angebots. Kritiker sehen darin einen Widerspruch zu einer Tradition, in der das Lernen selbst der Zweck war.
- Vereinfachung: Wissenschaftler bemängeln, dass komplexe Konzepte auf Selbsthilfe-Botschaften verkürzt werden und die historische Tiefe verloren geht.
- Produktversprechen: Für Gegenstände wie das rote Band oder das Wasser wurden zeitweise Wirkungen behauptet, für die es keine Belege gibt. Solche Versprechen sind ein Warnzeichen, auf das wir in Kabbala-Kurse im Vergleich allgemein hinweisen.
- Bruch mit der Tradition: Orthodoxe Stimmen kritisieren, dass Kabbala ohne die klassischen Voraussetzungen, also ohne Tora-Studium und religiöse Praxis, gelehrt wird.
- Umgang mit Geld und Macht: In den 2010er-Jahren berichteten Medien über Prüfungen der Finanzen und über Aussagen ehemaliger Mitglieder zu Druck bei Spenden. Diese Berichte sind öffentlich; eine abschließende Bewertung steht uns nicht zu.
Fairerweise gehört dazu: Das Centre hat vielen Menschen einen ersten Zugang zur Kabbala eröffnet, die sonst nie mit ihr in Berührung gekommen wären. Manche davon sind später zu den Quellen weitergegangen. Und Ashlags Zohar-Übersetzung, auf die sich das Centre beruft, ist ein echter Beitrag zur Tradition, ganz gleich, was man von der heutigen Organisation hält.
Kabbalah Centre und traditionelle Kabbala im Vergleich
| Merkmal | Traditionelle Kabbala | Kabbalah Centre |
|---|---|---|
| Zugang | Nach Tora-Studium, in jüdischen Lehrhäusern | Offen für alle, ohne Vorwissen |
| Sprache | Hebräisch und Aramäisch, mit Kommentaren | Englisch und weitere Sprachen, ohne Textkenntnis |
| Ziel | Verständnis der Tora und der göttlichen Ordnung | Persönliche Erfüllung, “das Licht empfangen” |
| Symbole und Gegenstände | Untergeordnet, teils skeptisch betrachtet | Zentral, als Produkte erhältlich |
| Finanzierung | Gemeinde, Stiftungen, unentgeltliches Lehren | Kursgebühren, Produktverkauf, Spenden |
Was das für dich heute bedeutet
Wenn du dem Kabbalah Centre begegnest, ob online oder in einem Zentrum, dann weißt du jetzt, womit du es zu tun hast: mit einer modernen Organisation, die auf einer echten Quelle aufbaut, aber daraus ein eigenes Angebot gemacht hat. Beides zu wissen schützt dich vor zwei Fehlern. Der erste ist, alles abzulehnen, was von dort kommt. Der zweite ist, alles anzunehmen. Prüfe jedes Angebot mit denselben Fragen, die wir in Kabbala lernen beschreiben: Woher stammt die Lehre, was wird versprochen, was kostet es, und darfst du widersprechen? Wer diese Fragen stellt, kann sich frei entscheiden, was er mitnimmt. Für den eigenen Weg reicht oft weniger, als Organisationen verkaufen: ein gutes Buch, eine ruhige Übung und die Bereitschaft, sich selbst am Baum des Lebens zu betrachten.
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Häufige Fragen
Ist das Kabbalah Centre eine traditionelle jüdische Institution?
Nein, es ist eine 1965 gegründete moderne Organisation, die kabbalistisches Wissen vereinfacht für ein breites, nicht-jüdisches Publikum aufbereitet.
Warum wird das Kabbalah Centre kritisiert?
Vor allem für eine stark vereinfachte, kommerzialisierte Darstellung der Tradition, die eher an Selbsthilfe-Marketing als an religiöse Lehrhäuser erinnert.
Was ist der Unterschied zwischen Kabbala und dem Kabbalah Centre?
Kabbala ist eine jahrhundertealte jüdische Mystiktradition – das Kabbalah Centre ist eine 1965 gegründete moderne Organisation, die daraus eine vereinfachte, kommerzielle Lehre für ein breites Publikum entwickelt hat. Das eine ist die Tradition, das andere eine ihrer umstrittensten zeitgenössischen Auslegungen.
Hat das Kabbalah Centre das rote Band erfunden?
Nein – das rote Band als Schutzbrauch gegen den „bösen Blick” ist deutlich älter. Das Centre hat den Volksbrauch aber weltweit bekannt gemacht und als Verkaufsprodukt popularisiert.
Wer war Yehuda Ashlag?
Ein Kabbalist aus Polen, der 1922 in Jerusalem ein Lehrhaus gründete und den Zohar mit dem Kommentar „Ha-Sulam“ ins Hebräische übersetzte. Das Kabbalah Centre beruft sich auf ihn als geistigen Vorläufer; Ashlag selbst blieb ganz im Rahmen der jüdischen Tradition.
Kann ich beim Kabbalah Centre echte Kabbala lernen?
Du lernst dort eine moderne Auslegung, die auf Ashlags Zohar-Kommentar aufbaut, aber stark vereinfacht und mit eigenen Produkten verbunden ist. Wer die Tradition selbst kennenlernen will, sollte zusätzlich Literatur lesen, die nicht aus dem Umfeld der Organisation stammt.
